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Die Quartals-Diät im Fernsehen

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Geschätzt alle drei Monate gibt es eine Diskussionsrunde (“Talkshow”) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo dann Diäten durchgekaut werden und die Chancen, ungewolltes Gewicht loszuwerden (oder gesund oder mehr oder weniger zufrieden zu behalten) eruiert werden.

Frau Maischberger war Anfang September mal wieder dabei, mit bewährten Experten und Fachfrauen. Was kam dabei heraus? Ein mustergültiges “kann-sein, kann nicht sein”, aber nichts, das das Problem an der Wurzel gepackt hätte.

Wir werden doch alle indoktriniert…

… sagte unser Lizenz-zum-Essen-Experte, Gunter Frank in der geselligen Runde bei Frau Maischberger, die nicht aus einem Selbstzweck heraus zusammen gekommen war, sondern damit das Gesagte auch ausgestrahlt werde, in einer Sendung, deren Teilnehmer allesamt recht sendungsbewusst waren.

Demzufolge gäbe es nicht nur ein Wunschgewicht, das, was wir uns an Statur wünschen, sondern auch ein Sollgewicht, Muss-Gewicht sozusagen, dem die Diät-Opfer ständig erfolglos hinterherlaufen.
Joschka Fischer war ja schon als Jo-Jo-Beispiel genannt worden: Auch er ein Opfer dieser Indoktrination? Oder vielleicht auch gleichzeitig ein Täter? Immerhin hatte Fischer mit seinem Buch über den langen Lauf ja kräftig mitgemischt im medialen Diätenwahn…
Wenn die Spezialistin, Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen (Ernährungsmedizinerin), Zahlen über Bauchumfänge, ab denen es kritisch wird wegen der gefährlichen Bauchfett-Zellen nannte, wischte Frank das Argument einfach weg, weil die Natur ja nach einer gewissen Streuung verlange, wie bei der ungenormten Nasenlänge. Dass er hier Äpfel mit Birnen vergleicht, die Nasenlänge keine Korrelation zum Fett-Verzehr und auch nicht zum Alkoholkonsum hat (Altmeier: “Wenn ich arbeitsfähig sein will, kann ich nicht zwölf Stunden nüchtern bleiben und Diät machen” – das ist keine Genetik, sondern eine innere Einstellung zum Leben und Handeln, zum Verhalten in Anforderungssituationen, wie sie sich familiär als Norm weitervermittelt, aber nicht durch die Gene), hätte man ihm nicht durchgehen lassen sollen; aber diese aalglatte Art verblüfft halt immer wieder.
Der Punkt “Indoktrination” wäre auch eine weitere Überlegung wert, denn: Wer indoktriniert denn eigentlich?
Das sich zu-dick-fühlen kann schon früh anfangen und ist wohl nichts, was Kinder kommunizieren können, da sie keine vernünftigen Antworten bekommen. An diesem Punkt, wo das unglückliche Kind, das ja “nur” Produkt seiner Umwelt ist, beginnt, an sich selbst zu zweifeln, setzt die eigentliche Gehirnwäsche an: Gar nicht wirklich systematisch, sondern widersprüchlich. Es braucht nur genügend viele Experten, die alle etwas anderes sagen, jeweils eine gewisse Teilwahrheit und Teillüge vertreten und die Orientierung unmöglich machen. Mal ist also Bauchfett Schicksal, mal in die Eigenverantwortung gelegt. Mal ist es möglichm, in 10 Wochen 20 Kilo zu verlieren, mal ist der Diäten-Jo-Jo-Effekt die einzige Perspektive.
“Geh doch, aber verlass mich nicht” ist eine Aussage, die in sich widersprüchlich ist und ihr “Opfer” keine Lösung finden lässt, weil es nicht weiß, was es machen soll, wenn es nicht weiß, was es will oder nicht will – oder so.
Nicht, dass die Maischberger-Sendung eine Gehirnwäsche veranstaltet hätte, es war bloß ein Austausch widersprüchlicher Argumente mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, dass Dicke auch wertvolle Menschen sind.
Inhaltlich war es aber die Double-Bind-Situation, die es so schwierig macht, aus der Falle heraus zu kommen. Wie abnehmen und Gewicht halten geht, konnte auch der smarte Tänzer der Allgemeinheit nicht erklären. Dass Altmeier  e i n e n  hoffnungsvollen Ansatz eines Kollegen, der es geschafft hat, nannte, war untergegangen.

Haarsträubend fand Frank, dass wir nichts über die Darmflora wüssten – und stellte raffinierten Zucker als ganz normales Nahrungsmittel dar.
In der Evolutionsgeschichte gab es aber keinen reinen Zucker – und was wir über das Schicksal des Zuckers im Darm wissen, oder spekulieren können, ist immerhin, dass Zucker von Hefen in Alkohol umgesetzt wird: Es gärt, und Zucker-Esser werden besoffen, minimal jedenfalls. Wenn noch Alkohol übrig bleibt, den der Körper nicht aufnimmt, wird dieser Alkohol zu Essig verwandelt, was aber Sauerstoff verbraucht. Es wäre also zu prüfen, was mit dem vielen  Zucker passiert. Zucker-Sucht ist ein Punkt, den laut Frank die Journalisten bloß erfunden haben, für den sie gefälligst und schleunigst Studien beibringen müssten, die belegen, dass es eine Sucht nach Zucker gibt. Die bittere Wahrheit über Zucker (Robert Lustig)  gibt es für Dr. Frank nicht. Noch einmal aus der darwinistischen Perspektive:

ABSTRACT: Rates of fructose consumption continue to rise worldwide, and have been linked to rising rates of obesity, type-2 diabetes mellitus, and metabolic syndrome. Elucidation of fructose metabolism in liver and fructose action in brain demonstrate three parallelisms with ethanol. First, hepatic fructose metabolism is similar to ethanol in that by accelerating the process of de novo lipogenesis, both promote hepatic insulin resistance, dyslipidemia, and hepatic steatosis. Second, fructosylation of proteins with resultant superoxide formation can result in inflammation similar to acetaldehyde, an intermediary metabolite of ethanol. Lastly, by stimulating the “hedonic pathway” of the brain both directly and indirectly, fructose creates habituation, and possibly dependence; also paralleling ethanol. On a societal level, the treatment of fructose as a commodity on the open market exhibits similarities to ethanol. Fructose induces alterations in both hepatic metabolism and central nervous system energy signaling, leading to a “vicious cycle” of excessive consumption and disease consistent with metabolic syndrome. These dose-dependent actions of fructose on the liver and on the hedonic pathway of the brain recapitulate the effects of ethanol.

Allerdings hält er sich an diesem Punkt damit zurück, auf die Erfahrungen mit den Dicken in seiner Praxis zurückzugreifen. Ich persönlich kenne so einige Fälle von Zucker-Abhängigkeit, die “merkwürdigerweise” auch alle noch mit gestörten Intimbeziehungen verbunden sind.
Nebenbei: Hat es nicht auch mal eine Studie gegeben, wonach die Gesundheitsgefährdung durch den Jo-Jo-Effekt als solchen gar nicht gegeben ist? Warum sollte es für einen Alkoholsüchtigen günstiger sein, ununterbrochen zur Flasche zu greifen, als ab und zu mal ein Jahr, oder ein paar Jährchen oder Monate Pause zu machen, wenn er schon nicht die endgültige Abstinenz hinbekommt? Alexa Iwan hatte den Punkt mit den Zuckern zwar einbringen wollen, hatte sich aber von einem mutmaßlichen Halbgott überfahren lassen.
Die Überzeugung, keine Aussicht auf Sieg, auf Erfolg zu haben, erzeugt  eine durch die starke Neigung zum Aufgeben gekennzeichnete Haltung, und wenn der Defätismus sich ausbreitet, ist die Niederlage vorgezeichnet. Das ist offenbar Franks Programm, wozu passt, dass Pessimismus, Schwermut, Verzweiflung, Weltschmerz laut http://www.duden.de/rechtschreibung/Defaetismus Synonyme zu Defätismus sind. Diese verdeckt depressive Haltung ist auch für viele Adipöse charakteristisch; man arrangiert sich und kaschiert die Probleme und Problemzonen.

Rosa Chinakohl

Als Helfer muss man mit dieser Haltung zurechtkommen, kann sich mit den Klienten und deren Einstellung identifizieren – sollte aber auch seine Gegenübertragung analysieren.
In diesem “muiltifaktoriellen Geschehen” vergessen wir schnell, dass entsprechend disponierten Menschen von der Beschäftigung mit diesen Themen nur wenig profitieren: Aber vielleicht bin ich ja der Einzige, der allein vom Zuschauen und Zuhören bei dieser Sendung Gefühle der Verzweiflung und des Hungers bekommt.
Da tröstet es auch nicht sonderlich, dass die Blutgefäße des Bundesumweltministers Peter Altmaier vielleicht dank dem Rotwein gesund sind, wenn auch an anderer Stelle gelästert wird:

“Bundesumweltminister Peter Altmaier …  operiert nach einer sehr eigenwilligen Methode: “Wenn man den ganzen Abend Maßkrüge stemmt, spart man sich das Fitnessstudio.” Danach ließ er sich in der bayerischen Landesvertretung Schweinskrustenbraten in Biersauce schmecken.”
Seit Wochen schon kämpfe der Minister darum, unter 140 Kilo zu kommen, wusste der Stern außerdem…

Nun kommt es darauf an, ob es zum Schweinebraten  Sauerkraut** gegeben hat oder nicht, ferner auf die jeweiligen Portionsgrößen – und die Zahl der Portionen…

Rosa Chinakohl ist übrigens eine Vorspeise, die beim Abnehmen kolossal hilft, wenn man nur genug davon isst – wobei es schwierig zu bekommen ist.

Es gäbe noch genug weitere Geheimtipps zum Abnehmen – aber Frau Maischberger hat mich ja nciht gefragt. Die Portionsdiät als solche wird bei dieser Haltung wohl auch noch längere Zeit unbekannter Geheimtipp, also zweck- und sinnlos sein.

KH Fett Eiweiß Gemüse Obst
Knödel Sauce Schweine- Sauerkraut  Obstler
Bier  braten
Bier

Wer abnehmen will, muss halt irgendwie die Kalorienzufuhr beschränken. “Radfahren in Berlin” ist aber auch schon mal ein  guter Anfang…
Dass es bei einem Knödel bleibt, ist aber wohl nicht realistisch, und so weiter…

Leute wie Detlef Soost, die uns erzählen, sie könnten uns in ihrem Programm an das Schlankheitsideal, das sie verkörpern, heranführen, machen uns natürlich Stress. Er will als Vorbild dienen, kann als solches aber nur Nachfolger ohne eigene Meinung produzieren, “Bewunderungszwerge”, die sich in seinem Sonnenschein wärmen dürfen. Dass er sich mit einigen Kilos mehr als “Walfisch” gesehen hatte, gibt er öffentlich zu, dass er sich damit selbt diskriminiert hat, nicht. “Hängebauchschwein” wäre schließlich auch nicht humorvoll. Wir dürfen annehmen, dass seine mitleidslose Haltung fortgesteht wie sein Angebot, zu helfen. Nachhelfen könnte man gegebenenfalls, wo immer mit überzeugenden Vorher-Nachher-Bildern gearbeitet werden muss, auch mit Photoshop, aber diese Option wurde nicht erörtert und Soost beließ sein Sixpack unter dem T-Shirt.

Die Stichworte Konformitätsdruck, Freiheit, Diskriminierung und  Lebensstil mit einem fröhlichen “glücklich und gesund bleiben” abzuhandeln, war schließlich das Privileg von Frau Maischberger: Fernseh-Lebensberatung vom Feinsten.

 

 

Foto “schoenheit.jpg”
via http://werbewahn.net/2012/01/12/wenn-beauty-werbung-ehrlich-ist/

Zu “Zucker” siehe auch: “How sweet is sweet?”

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