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Eierlikör und Deutsch-Türkisch-Interkulturelle Diät

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So “von Frau zu Frau” gesprochen, kann frau ja dazu stehen, dass die Osterzeit auch gleichzeitig Eierlikörzeit ist, und den mache die moderne Frau selbst, weil “anständigen von glücklichen Hühnern” und in BIO-Qualität bekomme frau auf dem Markt ja nicht, “das seht Ihr sicher genauso, oder?”

Damit hatte in einem Forum für gehobenen kulinarischen Genuss eine Teilnehmerin die Vorstellung ihres Eierlikör-Rezepts eingeleitet, und dann kam ein Detail, das vielleicht auch Annelie, die mit der Aufgabe betraut ist, für eine englische Großbank das Betriebsklima einer projektierten Betriebskantine langfristig-nachhaltig zu optimieren,  interessieren würde, und deshalb erklärte ich  ihr eine Eigentümlichkeit dieses Eierlikör-Rezepts:

“Die Idee, bei der Ei-Ei-Ei-Eierlikör-Markenproduktion auch gleichzeitig hypothetische Salmonellen im an sich sterilem Hühnerei durch Pasteurisierung eliminieren zu müssen, ist zwar an sich so wertlos wie ein Floh im Ohr, kann aber unter FreundInnen zur Empfehlung, einen “Thermomix” zu haben, dienen. So verbindet sich, im Zeitalter der Globalisierung, deutsche Technik mit uralten Fruchtbarkeitsritualen, da Osterhase und -Ei ja Fruchtbarkeitssymbole sind.”

Annelie meinte, Fruchtbarkeitsrituale seien doch eigentlich nur etwas für gebärfähige Frauen und müssten zudem “von ihrer Sinnhaftigkeit her hinterfragt werden”, sie  fand es unter Hygiene-Gesichts-Punkten wichtiger, sich um die Sterilität von Spüllappenund -Bürste zu kümmern,

“… diese abzukochen und mit (BIO-?) Alkohol zu desinfizieren wäre wohl doch etwas übertrieben, aber bitte, mit einem Thermomix ist auch das möglich, wenn dieses Rezept auch nicht zur Schleichwerbung taugt, sondern bestenfalls eine Absurdität mehr aufzeigt. Deutlich wird bei solchen “Flöhen im Ohr” allerdings auch, wie vernachlässigt Fragen der mentalen Hygiene sind.”

Damit war auch schon der erste Punkt unserer Tagesordnung abgehakt, und wir kamen zur “Frage der interkulturellen Diät” – hier ist neuerdings manch unverdauliche Brocken in der Debatte, und eine Diskussion unvermeidbar, also meinte ich,

“Dieser Recep Tayyip Erdogan verbreitet ja die Meinung, hier in Deutschland würden mal wieder Nazi-Methoden angewandt: Wenn es hier nicht erwünscht ist, dass türkische Minister oder auch er selbst hier für eine türkische “Verfassungsreform” agitieren, sei die Restriktion der Auftritte höchst undemokratisch…”

Auch Annelie fand es gänzlich ausgeschlossen, so einen Streit durch Abwarten und Aussitzen beizulegen:

“Ich hab’ den genauen Wortlaut dieser Äußerungen nicht griffbereit – aber ich denke, so ein “Nazivergleich” ist als rhetorischer Stachel gedacht, wenn der unsereins also weh tut, heißt das doch nur, dass wir in diesem Bereich nicht gänzlich gefühllos sind. Oder die Absicht ist, von anderen Problemen abzulenken?
Es gibt ja Deutsche, die lieber ihre Energie in den Kampf gegen Minarette lenken, als gegen die Verschandelung der Landschaft durch Windrädchen, bei denen man vom Kürzel “Growian” (wie “große Windkraftanlage”) ja wieder abgekommen ist, während die Spargel immer länger und gigantischer werden.

Allerdings entbehrt der “Nazivergleich”  jeder Grundlage – Nazimethoden: Das wäre das Verbot des Verzichts auf Schweinefleisch, das Verbot der Religionsfreiheit und vieles mehr.
Diese Gleichsetzung von damals und heute – wie gesagt, ich habe den genauen Wortlaut nicht parat, vielleicht kommt es auch mehr auf den Duktus an – halte ich jedenfalls für eine Beleidigung, wenn die auch aufgrund einer, welcher auch immer, Kränkung erfolgt sein mag. Als hätten wir nicht alle möglichen Anstrengungen zu “Aufarbeitung der Vergangenheit” unternommen!
Und wenn den, genauer: Gewissen Türken der Nazi-Vorwurf nicht reicht, reichen sie noch den Faschismus- und Islamophobievorwurf hinterher. Damit ist doch die

Grenze der Zumutbarkeit

erreicht, so jedenfalls der Titel einer Fernsehdiskussion am Sonntag – das war doch als öffentliches Zeichen gedacht!”

Ohne Schwein: Putenrollbraten

Ich nutzte die Gelegenheit, mal wieder einen Rezeptentwurf für die Betriebskantine vorzustellen, wenn es sich auch um einen fertig gewürzten Rollbraten im Netzt gehandelt hatte – aber immerhin, “am Anfang muss man den Braten riechen, nicht, wenn er gegessen ist”, so lautet ein chinesisches Sprichwort, war meine Überleitung zur “deutsch-türkischen Freundschaft”.

Dieser Verdacht auf mangelnde religiöse Toleranz wird noch aus der Zeit der Kreuzzüge herrühren – da, oder bei Adam und Eva, fängt doch schon der Bedarf nach Vergangenheitsbewältigung an.
Und vermutlich ist den wenigsten Moslems bewusst, welche Ängste hierzulande (oft insgeheim) vor einem islamischen Imperialismus herrschen…
Letztlich passt sich dann die westliche Leibkultur dem türkischen Lebensstil an und greift zum Döner, empfindet das aber nicht als Bereicherung, sondern als Idenditätsverlust, und der Putenrollbraten aus die Aldi macht unglücklich, weil kein Mensch das Tierwohl bedacht hat. An der Grenze der Zumutbarkeit leben auch die armen Griechen, zwischen Staatsbankrott und Schuldenerlass, ökonomischer Selbstststrangulierung und “Heimat Europa”.

Aber ich finde, es reicht mit diesem Thema; schau mal, wie hier neulich der Himmel ausgesehen hat, bei Sonnenaufgang:”

“Schön! Wenn das auch immer nur kurz anhält. Aber das sage ich mir auch immer: “Das geht vorbei”. Zum Beispiel bei diesen roten Fahnenmeeren, die die osmanischen Fahnenschwenker inszenieren, wenn sie ein Meeting mit ihren Politstars haben.
Gibt es nicht in Nürnberg ein Gelände, das dafür prädestiniert wäre? Wenn sie sich dann noch in Reih und Glied aufstellen, im Gleichklang Schlachtrufe von sich geben, Arme schwenken, basisdemokratisch vor faschistoiden Verhältnissen warnen – das sind die Bilder, bei denen ich froh bin, nur Deutsche zu sein und nicht Deutsche mit türkischem Stammbaum.”

Ich musste an unseren hessischen, zwei-pässigen Umwltminister und ein Grünen-Parteivorstandsmitglied denken, entschuldigte mich für eine halbe Minute, weil ich eine Datei aufs Tablet holen musste und “dozierte”:

“Es gibt Phänomene, die wir sofort anfangen, zu interpretieren, wobei die Deutung mit dem Objekt, das ja nichts für sein Aussehen kann, vielleicht nur ein zufällig zusammengetropftes Klecksbild ist, auch gar nicht versteht, was uns im Kopf herumgeht, keinen weiteren Zusammenhang hat.
Ob Du hier einen Sensenmann, eine vielarmige asiatische Liebegöttin, mehrere Insekten oder das Verbreitungsgebiet der Pest im europäischen Mittelalter erkennst, verrät nur Deine Gedanken, ohne viel mit dem eigentlichen Bild zu tun zu haben. Wenn Du aber Farbe hineinbringst…”

Annelie erkannte noch immer nichts. “Das sieht ja fast verwest aus – nicht schön…”

Wenn sie es denn wenigstens interessant fand, war ich ja schon zufrieden. Es handelte sich um die Kräuter aus einem Kräuteressig, die natürlich, ausgelaugt wie sie waren, keine Schönheiten waren. Außerdem:

“Das ist auch kein geschöntes Bild. Kein gefälschtes. In der Geschichte wird aber gern gefälscht, und welcher Historiker legt schon seine Karten offen auf den Tisch?

Da wurde ein Reichtagsbrand,  bei dem  der ruck-zuck-verurteilte Brandstifter keine Ortskenntnisse hatte und der Polizeipräsident (ein spiel- und kaufsüchtiger Menschenhasser & SA-Scherge?) nicht zufällig anwesend gewesen sein wird, zum Anlass genommen, quasi sämtliche Bürgerrechte außer Kraft zu setzen – ein “zufälliges” oder inszeniertes Ereignis zum Vorwand für die totale Machtübernahme genommen – und im Übrigen sind die eigentlich relevanten Dokumente wahrscheinlich vernichtet worden, weil die Täter ihre Spuren verwischt haben, als das Ende ihrer Herrschaft absehbar wurde.

Nun kann man lange versuchen, das Wesen des Diktators und der Diktatur zu verstehen, wenn man vergisst, wer davon profitiert hat, kann man nichts verstehen…”

Annelie widersprach:

“”Der Faschismus” – das ist ein facettenreiches Gebilde. Und denk’ doch nicht, dass all die Ideologien und Phobien, die damals geherrscht hatten, vom Kapital gewünscht und gesteuert waren. Sicherlich war die Propaganda sehr mächtig – das sind heutige Meinungsmacher, die Zugriff auf “Big Data” haben, auch. Aber vielleicht einigen wir uns dahingehend, dass die Frage, wie es überhaupt zum Faschismus gekommen ist, die eigentliche Priorität hat?”

“Wegen der Irrationalität des Menschen!” – hätte ich fast gesagt, so ganz spontan – das aber war ein weites Feld. Gab es vielleicht einen Historiker, der das belegen konnte?

Auf dem aktuellen Gebiet der  Diätlügen hatte “der größten Lügnerinnen Eine” die Punkte Ehrlichkeit, Humor, Ausdauer, Ernährung und Bewegung als Erfolgsfaktoren genannt, wenn sie selbst auch log, dass sich die Balken biegen, nur über einen spärlichen Humor verfügte, sich ernährte, dass sie ein Übergewicht von satten 90 Kilos hielt, sich in Punkto Bewegung stark beschränkte – und das ausdauernd.
Diese Gedanken hatte ich zwar für mich behalten, zur “Geschichte der Weimarer Republik” allerdings hatte ich das Buch eines Historikers mit Lesezeichen an der Stelle mit der zentralen Aussage griffbereit und fragte, ob ich mal wieder ein Zitat einfließen lassen zu dürfe – Annelie bat darum.

“Die bürgerliche Republik war in Deutschland 1918 das Werk der Arbeiterklasse. Das Bürgertum selbst hat die werdende deutsche Republik entweder bekämpft oder nur lau unterstützt. 1930 ging die Republik in Deutschland zugrunde, weil ihr Schicksal den Händen des Bürgertums anvertraut war und weil die Arbeiterschaft nicht mehr stark genug war, um die Republik zu retten. Die deutsche Arbeiterschaft umfasste zwar drei Viertel des Volkes, aber da sie sich weder in ihren politischen Idealen noch in ihren taktischen Methoden einigen konnte und weil sich ihre Riesenkräfte im Kampf gegeneinander verbrauchten, kam die Gegenrevolution wieder zur Macht.”

Diese Zeilen entstammen dem Buch “Geschichte der Weimarer Republik” von Arthur Rosenberg, S. 211.
Annelie war beeindruckt, wie hier jemand, als wolle er für künftige Generationen einen Hinweis geben, wie man “es” nicht machen darf. Sie wollte mehr über Arthur Rosenberg und wir bemühten noch die eine oder andere Suchmaschine – 2003 erschien ein Buch von Mario Keßler: “Arthur Rosenberg. Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen (1889-1943″; 2004 hierzu eine Rezension von Simone Barck (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam):

  • [Es] “… ist kein Historiker ohne Prinzip und ohne Weltanschauung möglich.“
  • “Zu fragen wäre heute, wie aktuell die Arbeiten eines Historikers sein können, in dessen Zentrum das Wechselverhältnis von Demokratie und Sozialismus stand? Was ist überhaupt aus historischen Analysen der Weimarer Republik oder des deutschen Nazi-Reichs für heute zu lernen? Was gar kann nach dem Ende der real-sozialistischen Experimente des vorigen Jahrhunderts aus seiner „Geschichte des Bolschewismus“ entnommen werden?”
  • “blutdürstige Phraseologie” der KPD [- wie der NSDAP]

Annelie erstellte mit mir ein gemeinsames Positionspapier mit ein paar Thesen:

Pide kann man essen.

Ein Faschismusvorwurf, der sich auf das heutige Deutschland bezieht, bedarf der rationalen Begründung. Die Frage “Was ist überhaupt aus historischen Analysen der Weimarer Republik oder des deutschen Nazi-Reichs für heute zu lernen?” sollte auch von der “klagenden” Seite beantwortet werden können.

Wie halten beide Seiten es mit Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, der Aufklärung von Sabotageakten und Terror? So war in der Weimarer Republik der Staatsterror schließlich weit gravierender als die dilletantischen, unausgegorenen Taktiken der Opposition. Ist die Warnung vor deutschem Faschismus eine Warnung an unsere “aufgeklärte Bevölkerung”, nicht wieder wie in der Weimarer Republik zu versagen, und/aber wie haben sich die Strukturen mittlerweile verschoben?

Slogans und Sprachstil beeinflussen die Massen. So, wie das “America first” vor allem den Egoismus fördert, kann Pressezensur und Verfolgung missliebiger Journalisten zu unangemessenen Größenphantasien führen.

siehe auch:

Die “Geschichte der Weimarer Republik” im Volltext (englische Version)

 

 

Liebe LeserInnen,

mit Annelie Schmidtchens Kitchen-Fiction schlagen wir ein neues Format der Diät-Unterhaltung auf:

Leiblichkeit und Politik

Farbfotografien leckerer Lebensmittel zum Abnehmen, garnierte Geschichten, die sich um Lebensmittelklarheit und Aufklärung ranken, unter dem Banner des Selbstbestimmungsrechts auf dem eigenen Teller.

Wir decken schoningslos die schlimmsten “Diätlügen” auf  und bieten bekömmliche Alternativen zum grauen Grausen der langweiligen, ungenießbaren herkömmlichen Diät-Rezepte.

Die bisher erschienen “Kitchenfiction mit Annelie Schmidtchen”-Beiträge  stehen noch kurze Zeit zum Nachlesen bereit, aber das Beste ist: Die Artikelserie wird fortgesetzt!

 

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