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Selbst verschuldete Adipositas – Überzeugungsarbeit und Prävention

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“In der Schweiz sind 40 Prozent der Erwachsenen übergewichtig und 10 Prozent leiden an Adipositas, das heisst: Jeder zweite Schweizer, jede zweite Schweizerin bringt zu viel Gewicht auf die Waage. Damit ist Adipositas die häufigste chronische Krankheit des 21. Jahrhunderts.” (Quelle)

Also, da haben wir es mal wieder. “Das Problem”, mit dem aus medizinischer Sicht weitere Probleme anfangen, mit dem sich eine Krankheitsspirale  in die Höhe schraubt, die wenigsten “gesunden Dicken”, also eigentlich “Alibidicke”, die sich gern als fit, fett und gesund darstellen, bleiben verschont, weil es doch das metabolische Syndrom gibt, und das übersieht die wenigsten Adipösen komplett, die Meisten werden irgendwie, irgendwann zumindest angeschossen.

Angesichts dessen steckt die Hälfte der Bevölkerung und der regierenden und opponierenden Politik den Kopf in den Sand, von der anderen Hälfte plädiert die Hälfte für je nach Mode wechselnde Diäten, und das letzte Viertel weiß nichts genaues, arbeitet in der Ernährungsberatung (Überschneidungen sind möglich) oder sonst im Gesundheitssektor, fordert brutalstmögliche Aufklärung über die Ursachen oder auch einen gesunden Lebensstil mit Ballaststoffverzehr, täglichen straffen Spaziergängen, mal mit und meist ohne Berücksichtigung der “psychosozialen Begleitumstände”, aber zumindest langfristige Gewichtskontrolle und regelmäßige Kontrolle von Blutdruck, Fettverteilungsmuster und Blutzucker.

 

Die Ursachen kennen und das Problem lösen?

Wer in dieser Situation die Ursachen des Gewichtsanstiegs nennen könnte, wäre auch in der Lage, eine ursachenorientierte Therapie einzuleiten, damit würden die Dicken aber schlank, das “Dicken-Bashing” hätte ein Ende, und die, die Andere verbal missbrauchen, würden sich ein neues Ventil suchen müssen – auch das sollte bedacht sein.

Wer sich mit selbst gemachtem Essig beschäftigt, kommt auch allgemein, also bauch bei Problemen ["bauch bei Problemen" - Verschreiber oder Freud'sche Fehlleistung? & Gruß an alle übergewichtigen PsychoanalytikerInnen], leichter auf die Idee, dass diese hausgemacht sind.

Nie käme ich auf die Idee, Essig als Schlankheits- Elexier zu verkaufen – aber schaut mal in die “Fachpresse”, was alles als “Schlankmacher” verkauft wird, wer welche “Methoden und Tipps” feilbietet.

Da werden Hoffnungen geweckt, Illusionen erzeugt, und wenn die Blase platzt, der Traum vorbei ist, ist die Enttäuschung groß, und damit auch der Frust.

Solche Verbrauchertäuschungen werden geduldet wie falsche Angaben über Abgaswerte “moderner” Autos, weil die Lüge, um den Gewinn zu vergrößern, hingenommen wird.

 

Beispiels-Ursachen für Übergewicht…

Falls also  die Adipositas, die ihren unaufhaltsamen Anstieg in den 70-er Jahren zögernd angegangen war,  etwas mit dem jeweiligen Verhalten zu tun hat,  ist hier der seitdem steigende Verbrauch von Zucker auffällig, und dass in dieser Zeit das Farbfernsehen eingeführt wurde und den Zuschauern seinen Tribut – Lebenszeit, die mit “Glotzen” verbracht wird – abverlangt.

Muttermilch pur als Säuglingsernährung, ungesüßter Babybrei und Fernseh-Abstinenz bis zum neunten Lebensjahr (Ausnahme: Die Sendung mit der Maus) wären also reinste Präventionsmaßnahmen, je mehr wir die durchsetzen, desto ernsthafter gehen wir das Problem von der präventiven Seite her (im Sinne von “Wehret den Anfängen“, also bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist) an.

 

Ursachen, Schuld und Unmündigkeit

Das Wichtigste, so schreibt Dr. med. Heinrich von Grünigen im o.a. Artikel, ist,

“… durch bewusstes Verhalten, kombiniert mit Information und Aufklärung, die Entstehung von Übergewicht und Adipositas zu verhindern.

Dazu braucht es nicht nur den Appell an die Selbstverantwortung jedes Einzelnen, sondern auch konsequentes Handeln des Staates mit klaren Auflagen an Lebensmittelproduzenten und Vermarkter.”

Das sind allerdings massive Forderungen, die in der Schweiz erhoben werden – weitreichende Forderungen, gegen die mein Vorschlag der Fernsehabstinenz das reinste Waisenkind ist.

Der Doktor muss ja an mehr als die allgemeine, sinnlose Aufklärung über Kalorienzufuhr und -Verbrauch denken, wird also eine eindrückliche Aufklärung meinen, nicht das Wischi-Waschi von Atkins-Diät bis Zeppelin-Diät als Mittel zum Abnehmen, nicht das Promi-Gehabe à la “Ich bin zu fett fürs Ballett, aber beim kommenden Marathon muss ich dabei sein. Meine Beine sind am schönsten, meine Fernsehkarriere ist am längsten,  … .”

 

Aufklärung ist nicht Information, sondern Verhalten

Zu einer umfassenden Aufklärung gehört: Wir sind selbst schuld. Wir haben uns die Suppe selbst eingebrockt. Wir müssen sie auch selbst auslöffeln – und entscheiden uns möglicherweise, nach Prüfung des Sachverhalts, so einigen Köchen zu kündigen; bei Mälzer fehlt nicht mehr viel, und er bekommt eine Abmahnung.

Während wir uns bisher in die falsche Richtung haben lenken lassen, zugelassen haben, dass Kinder zu Süßigkeiten, Fernsehkonsum und passivem Verhalten verführt wurden – auch mangels Möglichkeiten und Angeboten zu sinn- und freudvoller Bewegung – bestehen wir jetzt auf besseren Alternativen, für die auch “der Staat” verantwortlich ist, denn Privatkindergärten und -Schulen widersprechen dem Gedanken der Chancengleichheit.

Dem Gedanken der Gesundheitsförderung entspricht es, Ärzte dafür zu belohnen, dass ihr Klientel seine Gesundheit erhält und fördert. Was das betrifft, wird die Politik gefordert, an einigen Schrauben zu drehen. Auch die Krankenkassen sind in Sachen “Aufklärung/Prävention” zu Gange – wer schaut ihnen dabei auf die Finger?

Wenn (oder falls, ich meine das mal als Beispiel) die “Bild der Frau” eine Kohlsuppendiät, die 99,9 % der Teilnehmer allzu bald abbrechen müssen, empfiehlt, ist das kontraproduktiv. Alleine schon, über eine disfunktionale “Eier-Diät” lang und breit Erklärungen abzugeben, bedeutet, informationellen Sondermüll  zu produzieren. (Dereinst hatte mal ein Spassvogel (?) behauptet,  das Verspeisen sehr vieler hartgekochter Eier sei an der Mayo-Klinik, im Rahmen der “Mayo-Diät”, als probates Verfahren zum Abnehmen entwickelt worden – und überall wurde die “trollige Geschichte” für wahr genommen.)

Keine Lösung für das (eigene, aber auch gemeinsame) Übergewichts-Problem zu finden ist Unfähigkeit, Dummheit oder “Unmündigkeit”. Mit ein wenig Zweckoptimismus und Mut lässt sich aber sagen: Eigenes Nachdenken und Aufklärung helfen, da herauszukommen.

 

“Du brauchst Verstand, ein Gewissen, Diät und so weiter”

Der Zufall hatte es wohl so gewollt: Auf irgend einer “angestaubten” Seite wurde mir heute morgen ein Zitat von Immanuel Kant eingeblendet:

Wenn wir die Ziele wollen, wollen wir auch die Mittel.

Ich glaube, das versteht jeder.  Noch deutlicher wird Kant in unserem Zusammenhang im Folgenden:

Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich ein Gewissen hat, einen Arzt, der für mich Diät beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.

 

Klar ist, dass Kant wusste, dass es,  selbst wenn man  das Buch mit Verstand aufgeschlagen hat, keinen magischen Trichter gibt, mit dem dessen Inhalt und Sinn dem Leser zugeführt werden kann.

Was ein reines Gewissen ist: Mancher Seelsorger fragt sich das lieber nicht, und doch brauchen wir auch mal eine Klärung in der einen oder anderen eigenen, geheimen  Gewissensfrage.

Wenn ich für den Arzt nur ein Fall von unendlich vielen bin, ihn Diät nicht die Bohne interessiert, gibt es keine qualifizierte Beurteilung  – und selbst wenn es sie gäbe, finge damit die Aufgabe, mich selbst zu bemühen, recht eigentlich an.

“Der Mensch brauchst Verstand, ein Gewissen, Diät und so weiter”- vielleicht hat Kant, der (hypothetisch gesagt:) Schelm, das wirklich so gemeint. Das bedeutet doch sinngemäß: Gebraucht Euren Verstand,  “werdet Experten in eigener Mission!”

Damals konnte Kant noch hoffnungsvoll sagen: “Wir leben zwar nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, aber in einem Zeitalter der Aufklärung. Wobei diese Aufklärung des Menschen über den Menschen und seine Logik – die saloppe Frage, wie der Mensch tickt, schon lange gestellt wird, und bei den Antworten gibt es vielleicht gar eine Evolution. Die Prinzipien menschlichen Verhaltens und dessen  Logik erklärt denn auch eine uralte Wissenschaft, weniger das Data-Mining der Supercomputer:
Neuerdings scheinen wir zwar von der Wissenschaft beherrscht zu sein,  doch die bringt noch nicht einmal anständige Wahlprognosen zustande, aber versucht stattdessen, Wahlergebnisse zu beeinflussen (wofür sie nicht gedacht ist) und “die Massen” zu kontrollieren (und zu manipulieren; Werbung, Massenpsychologie und Politpropaganda  sind eng verwandt und unterliegen kaum irgendeiner Beschränkung), womit längst nicht alle einverstanden sind.  Unsere Mündigkeit fällt uns nicht in den Schoß.

Sicher, es kommt auf das konkrete Verhalten an, und nicht ratlos und kopflos sinnlose Experimente durchzuführen, die mehr schaden als nutzen. Aufklärung heißt in diesem Zusammenhang nicht nur Informationen gewinnen und konsumieren, sondern im sozialen Zusammenhang Erfahrungen auszutauschen und neues Verhalten einzuüben.

Verstehen ‘Sie Kant? zeigt noch mehr von der Kant’schen Philosophie auf, bei min. 21. geht es um die Aufklärung.

 

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