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Weltuntergang oder Weltherrschaft? Handbuch Abnehmen – 9 –

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Pessimisten sehen bei der Gelegenheit übrigens nur die “Alternative” von  “Weltuntergang oder Apokalypse”, und selbst wenn wir heute vielleicht dieser Sache nah und näher kommen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Weltuntergang miterleben werden, nicht so wirklich groß, aber so fies, nur “nach mir die Sintflut” zu denken, sind wir auch nicht.

Bisher ist weder das Problem der globalen Ernährung, noch das Problem der wachsenden Adipositas überwunden; wenn hier wesentliche Faktoren übersehen werden, muss die ultimative Lösung recht einzigartig ausfallen.

Diverse uralte Ängste

Wir sind “besessen” von rationalen und irrationalen Ängsten, und, wie im letzten Artikel dieser Serie angedeutet, gibt es sogar die Angst, dass der Himmel herunterfällt – in der griechischen Mythologie brauchte man nämlich noch einen Titanen, um den Himmel zu stützen, in einem Asterix-Heft kuriert der Druide einen  “… Gallier mit [dem] Schild auf dem Kopf, der ständig Angst hat, dass ihm der Himmel auf dem Kopf fällt (wird kuriert durch das Laufen auf den Händen)”.

Häufiger, als angenommen, gibt es auch die Angst,  die Götter könnten oder wollten uns bestrafen.

Letztlich sind das frühe Ansätze, dem Menschen die Welt zu erklären, zum Teil auch Relikte, Überreste des magischen Denkens – eine “Zeit, als das Wünschen noch geholfen hatte” hat es ja für jeden von uns schon einmal gegeben.

Feen, Geister, Götter oder Göttinnen belohnen und bestrafen in Märchen, Religion und Mythos, gern würden wir belohnt für das, was wir tun, und offiziell wird dann, irgendwann, nachträglich abgerechnet, gerichtet und die Paradies-oder-Hölle-Entscheidung getroffen – so die amtliche Aussage.

Fülle - Scham - Angst

In diesem Zusammenhang entsteht aber auch die Angst, sich hervorzutun, deshalb auch die Anspielung auf Nietzsche (am Ende des letzten Artikels), doch dazu kommen wir noch.

Einen weiteren Punkt im Artikel /handbuch-abnehmen-8-sagenhafte-fuelle-moderne-scham müssen wir uns zunächst noch einmal anschauen, damit er nicht in Vergessenheit gerät:

 

“Der neue Mensch”

Ein Zitat aus der Buchbeschreibung des Verlags:

“Der Mitbegründer der Humanistischen Psychologie zeigt, was ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn, aufgeschlossene zwischenmenschliche Kommunikation und Authentizität systemverändernd für Erziehung, Politik und unser Zusammenleben bedeuten.

Den hier versammelten Aufsätzen von Carl Rogers liegt … die Überzeugung [zugrunde], daß …  der … Mensch … im Kern konstruktiv ist. In einem wachstums- und entwicklungsfördernden psychologischen Klima können diese konstruktiven Potentiale freigesetzt werden.”

Ich finde den “Rückgriff” auf den neuen Menschen zwingend notwendig, und zwar, weil das bisherige System nicht funktioniert und uns nur in diverse Sackgassen geführt hat. Wo es – zum Beispiel – um “Adipositas oder Gesundheit” geht, sind kosmetische Lebensstil-Änderungen unzureichend.

Rogers war der Meinung, “daß neue Werte, ausgelebt durch den neuen Menschen inmitten einer rigiden Gesellschaft, die revolutionärste Tat eines Menschen überhaupt sei.” (Quelle)

Rogers visionären Entwurf (eine sehr kompakte Zusammenfassung in 12 Punkten hat Andreas Kreuziger erstellt, etwas ausführlicher finden wir die Punkte hier) sollten wir uns – wenn wir denn “die Verhältnisse” verbessern wollen – noch einmal genauer anschauen:

  1. Offenheit in allen interpersonalen Beziehungen – in der Familie, bei der Arbeit, in Führungspositionen.
    (Erfordert Vertrauen – das muss erst noch gebildet werden. Vertrauen setzt gewissermaßen einen Vertrag voraus, so dass ein “Vertrauenssiegel” den Missbrauch oder eine Ächtung aufgrund von persönlichen Informationen ausschließt.)
  2. Erforschung des Selbst und Entwicklung eines ganzheitlichen Menschen, Einheit von Leib und Geist.
    (Diese Erforschung braucht, da die Selbstanalyse scheitern muss, den interpersonalen Rahmen, den Dialog zwischen mit Verstand gesegneten  Menschen aus Fleisch und Blut.)
  3. Wertschätzung des Einzelnen aufgrund dessen, was er ist, ohne Rücksicht auf Ge­schlecht, Rasse, Status, oder materiellen Besitz.
    (Wertschätzung nicht für das, was ich sein könnte, sondern Akzeptiert-Werden wie ich bin, & Dich akzeptieren, wie Du bist.)
  4. Dem Menschen angemessene Gruppierungen in unseren Gemeinschaften, unseren Bildungsinstitutionen, unseren Produktionsstätten.
    (Diese Gemeinschaften sind allerdings noch ausbaufähig, manche Gruppierung müsste erst noch formiert werden – bitte sach- und arbeitsorientiert.)
  5. Eine respektvolle, ausgeglichene Haltung der Natur gegenüber.
    (Es gilt hier, das “Eingedenken der Natur”, auch der sozio-biologischen Natur, mit der wir selbst ausgestattet sind, neben dem Natur- und Umweltschutz (und alle diese Gebiete sind jämmerlich unterentwickelt) wirklich zu etablieren. Tierschutz, aber auch Gartenbau stellen eine Gelegenheit dar, Natur zu gestalten, und diese Erfahrung muss praktisch möglich sein.)
  6. Streben nach materiellen Gütern nur dann, wenn sie die persönliche Lebensquali­tät erhöhen.
    (Jetzt bekommen alle “Bonzen” Angst, dass irgendwelche nicht existenten Kommunisten ihnen den 12-Zylinder nebst Chaffeur/Chauffeuse wegnehmen – also Angst um ihre Privilegien. Was ich hier nicht diskutieren werde; jedoch muss zum Beispiel die Frage erlaubt sein, ob der private Swimming-pool sein muss, und ob das Angebot an öffentlichen Schwimmbädern ausreichend ist. Eine qualitativ hochwertige Lebensweise sollte auch mit geringem materiellen Einsatz machbar sein, das ist kein unlösbares Problem.)
  7. Eine gerechte Verteilung materieller Güter.
    (Die gegenwärtige Diskussion von “bedingungslosem Grundeinkommen”, Teilhabe-Möglichkeiten am sozialen Leben und angemessene Leistungsprämien geht in diese Richtung.)
  8. Eine Gesellschaft mit einem Minimum an Strukturen, in der die menschlichen Be­dürfnisse vor jeder Struktur den Vorrang haben.
    (Da war doch was mit einer “Bedürfnispyramide”, die Bedürfnisse betreffend.  “Strukturen” – sind häufig Machtstrukturen, etwa in der Kirche, oder beim Militär, oder nur zum Beispiel bei der Autobahn-Planung. Nach dem Motto “Institutionen für den Menschen – und nicht umgekehrt – da” stellt sich häufig die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Organisation überhaupt, im organisierten Gemeinwesen sind die Strukturen nicht naturgegeben, sondern von Menschen gemacht. )
  9. Führung als eine vorübergehende zeitweilige Funktion, gegründet auf die Fähig­keit, ein spezifisches gesellschaftliches Bedürfnis zu befriedigen.
    (Das ist sozusagen eine lösungsorientierter Ansatz. Wenn die Aufgabenstellung spezifisch benannt wird, und man nicht über komplette Parteiprogramme mit 1000 Punkten im Paket abstimmen muss, kann auch besser über den Repräsentanten abgestimmt werden. )
  10. Fürsorge für jene, die Hilfe brauchen.
    - Fraglos -
  11. Ein menschlicheres Wissenschaftsverständnis in allen Phasen – in der kreativen Pha­se, beim Überprüfen der Hypothese, bei der Bewertung der Menschlichkeit ih­rer Anwendung.
    (Die moderne Wissenschaft bezieht sich meist auf “Technik” – von der Kernfusion bis zur Verkaufspsychologie, auf Messbarkeiten und “Effektivität”. Wenn die Wissenschaft ein ganzheitliches Verständnis des Menschen herstellen will, ist das vielleicht schlecht für die Pharmaindustrie, aber gut für die Präventionsarbeit. Wenig erforscht ist, wie Glück “hergestellt” wird (und ich denke hier nicht an eine Infusionslösung).
    Wissenschaft sollte sich auch und vermehrt auf menschliche  Gefühle und Bedürfnisse beziehen, im sozialen Sektor hilfreich sein, gerne mal die Frage nach dem Sinn der Aktion stellen und nicht sinnlose Milliarden-Projekte (ich behaupte mal, dass die Idee einer bemannten Mars-Expedition gesamtgesellschaftlich ziemlich sinnlos ist, selbst wenn sie dem einen oder anderen Riesen-Ego schmeichelt) initiieren. )
  12. Kreativität jeder Art – beim Denken und Forschen, in den sozialen Beziehungen, in der Kunst, Architektur, Stadt- und Regionalplanung, Wissenschaft.
    (Das heißt ja nicht, dass jeder Mensch ein Künstler sein muss, aber bedeutet auch, dass Kreativität nur “Sinn macht”, wenn sie auch angenommen, gefördert und anerkannt wird, und nicht zubetoniert wird.)

Das Nachdenken über den “Neuen Menschen” lenkt von einer möglichen Weltuntergangsstimmung doch recht effektiv ab – und von selbst wird er sich nicht herausbilden, von selbst entstehen keine neuen Netzwerke, Gruppierungen, entsteht kein neues Denken.

 

Globale Herrschaft der Vernunft – Vielleicht – wer weiß?

Vielleicht, vielleicht erobert “der neue Mensche” künftig die “Weltherrschaft” und löst “das Kapital” ab. Gemeint ist natürlich keine Einzelperson als Weltherrscher, sondern das Prinzip, sich zu organisieren, gemeint ist nicht die Herrschaft von keine Einzelperson wie Alexander der Große oder modernere Diktatoren, die allesamt mehr oder weniger kläglich gescheitert sind, gemeint ist nicht das eine oder andere religiös-ideologische Konzept. Nach Norbert Elias ist so etwas durchaus denkbar, aber kein zwingender Prozess.

Einstweilen gilt sicherlich das ganz bescheidene “global denken, lokal handeln”.

Fassen wir zusammen:

Das Konzept des “neuen Menschen” ist inzwischen nicht mehr ganz taufrisch, hätte ein paar Jahrzehnte Zeit gehabt, sich durchzusetzen, aber vielleicht ist genau jetzt die rechte Zeit hierfür.

Das müssen wir andererseits auch nicht übers Knie brechen, und so gibt es jetzt erst einmal eine

Zehn-Minuten-

 

Wer Lust hat, kann sich den Pausenclown anschauen, der erzählt die Story von der Studie über die Willenskraft, die nur begrenzt vorhanden, und sich wie bei einem Muskel erschöpft – man könnte aber auch sagen, Cookies erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass man sich an unlösbaren Aufgaben aufreibt.
Aber egal – die Baumeister-Studie zur Willenskraft war ohnehin nicht reproduzierbar und beweist also letztlich nur, dass viele Soziologen und Psychologen ihr Handwerk nicht verstehen und Unfug veröffentlichen, selektiv, versteht sich.

Es gibt andererseits auch Gerüchte, dass die Willenskraft (Ja, die ist hier immer nocht kein abgeschlossenes Thema!) geschult und trainiert werden kann – eine soziologische Studie hierzu wäre wohl weit weniger interessant als eine Sammlung von Erfahrungen.  Wir können die Frage ja mal notieren: “Wie ist das mit dem nachhaltig unbeugsamen Willen, und warum gibt es den Jo-Jo-Effekt?”

10 Minuten, die sich lohnen, bei denen es aber nicht bleiben wird:

Sinnvoller sind 10 Minuten in “Rogers in 10 Minutes investiert: Eine sehr schnelle, hoch getaktete Einführung, mit guter Illustration, vielleicht der Einstieg zur weiteren Beschäftigung mit der Personenzentrierten Gesprächsführung, der “humanistischen Psychologie”.

Hier werden viele Schlüsselbegriffe genannt, einer davon ist auch die Empathie.

Den Kern des Entwicklungsprozesses (der Persönlichkeit) stellt die Beziehungsarbeit dar – das meine ich jedenfalls verstanden zu haben.

 

Damit ist die Pause beendet und wir kommen zur Frage:

Sind die Götter wirklich neidisch und wenn ja, warum?

Es ist ein paar Generationen her, dass Schiller zur Allgemeinbildung gehört hat, und es ist keine Schande, nicht viel über ihn zu wissen – wer stolz ist, Deutscher zu sein, sollte sich aber auskennen mit dem Deutschen Liedgut, der Deutschen Dichtung. “Da wandte sich der Gast mit Grausen” – das soll ein bekannter Spruch sein? Wie auch immer, es gibt eine Schiller-Ballade, in dem es darum geht, dass, wer zu erfolgreich ist, von den Göttern bestraft wird – glaube an diese göttliche Strafe, wer will, oder, wer es nötig hat…

“Das Glück” erscheint launisch, Unglück manchmal als normal. Wo das Unglück Normalität ist, kann es eine Angst vor dem Glück geben, wo “das Glück” übergroß, tritt die Angst vor dem Neid der Götter hervor. (Quelle)

Fakt ist, die “Strafe der Götter” hat im Denken eine Rolle gespielt,  Neid spielt auch heute seine Rolle, wir müssen, wenn wir uns behaupten wollen, damit zurecht kommen, dürfen nicht aus  Angst vor dem Neid aufgeben und kapitulieren:

  • Eine Frau in den besten Jahren nutzt die Möglichkeit, die sich bietet, ihre künstlerische Ader zu entwickeln, besucht einen Kurs, in dem ein Künstler die Talente der TeilnehmerInnen fördert, Mut macht und Techniken bereitstellt – effektiver und bedarfsgerechter als in einem Kunst-Studium.
    Sie hat Talent,  erstellt unter Anderem Portraits und Studien von dynamischen, kraftvollen oder körperbetonten Männern – aber ihre Werke werden von der “peer-Group” oder – volkstümlicher ausgedrückt – den “Mädels vom Mädles-Abend” so gar nicht gewürdigt und anerkannt…
    Hintergrund: Bisher hatte sie, die “Zugezogene aus dem einfachen Volk”, damit auch die Rolle derjenigen, die die Anderen, die gutsituierten und längst beheimateten Ärzte-Gattin, Linguistik-Dozentin, Ehefrau und Haushälterin des hochdotierten Ingenieurs/Designers (und so weiter) mehr die Rolle der Bewunderin. Zumindest ein bisschen “Bewunderung” hätte sie sich jetzt auch gewünscht, für ihr schöpferisches Talent. Aber es ist wie verhext: Die “Freundinnen” und auch deren talentierte Gatten verweigern jeden Kommentar, erst Recht ein Lob zu den Bildern.
    Ich kann verstehen, wenn jemand mit den abgebildeten “Motiven” nicht viel “am Hut” hat, aber die Dynamik ihrer Bilder ist frappierend, die Farben sind expressiv, Bildkomposition und Pose arbeiten den Charakter der dargestelten Figurenheraus;  Wer demgegenüber sich verschließt und ein Feedback verweigert, muss seine Gründe haben. Die könnten durchaus mit “Neid” zu bezeichnen sein.
    Kreativität kann ein Abenteuer sein, und wer schöpferisch tätig ist, kann nichts Besonderes mehr daran finden, wenn die Anderen Kreuzfahrten für fünfstellige Beträge buchen…
  • Anno Tobak hatte ich viel Zeit, Energie und Herzblut in eine Diplomarbeit mit hermeneutischer Vorgehensweise “investiert” (Betriebswirtschaftlich gesagt: Fehlinvestiert) und ein paar Exemplare an Freunde und Bekannte verteilt.
    Niemand, auch nicht der Gutachter, hat sie wirklich gelesen. Von einer Frau, die damals noch “normale Dozentin” war, heute Professorin für Altpphilologie ist, kam die Rückmeldung, meine Art, zu zitieren, sei “komisch” und unzweckmäßig.
    “Neid” war bei diesen Mißreaktionen der nicht so offensichtliche Anteil – der größere war Unverständnis, Dummheit und Selbstliebe: “Und mich haben Sie auch zitiert” meinte eine, die das Literaturverzeichnis gescannt haben wird, und weiter nichts. In einem Topf Kimchi geht es geordneter zu als in deren Kopf. Vor allem kann ein Kimchi fiedlich mit den Anderen koexistieren, ohne die Angst, dass ihm Andere die Show stehlen.

Aber wir können mal schauen, was Nietzsche, der den Dingen tiefer auf den Grund gegangen ist, dazu gesagt hat:

Zitat Nietzsche

 

Neid der Götter

 

30.

Neid der Götter. — Der “Neid der Götter” entsteht, wenn der niedriger Geachtete sich irgend worin dem Höheren gleichsetzt (wie Ajax) oder durch Gunst des Schicksals ihm gleichgesetzt wird (wie Niobe als überreich gesegnete Mutter).

Innerhalb der gesellschaftlichen Rangordnung stellt dieser Neid die Forderung auf, dass ein jeder kein Verdienst über seinem Stande habe, auch dass sein Glück diesem gemäß sei und namentlich dass sein Selbstbewusstsein jenen Schranken nicht entwachse.

Oft erfährt der siegreiche General den “Neid der Götter”, ebenso der Schüler, der ein meisterliches Werk schuf.

 

Mich erstaunt Nietzsches mythologische Herleitung.
Bei Niobe jedenfalls ist eindeutig eine überhebliche Haltung festzustellen – die 14-fache Mutter hielt eine überhebliche Schmährede, gerichtet an  die Titane Leto, die “nur” zwei Kinder, Apollon und Artemis, geboren hatte.

In den Metamorphosen des Ovid findet sich dieses Zitat: (6,146–312)

“Mag sie [Fortuna]  mir vieles entreißen, noch viel mehr muss sie mir lassen.
…. denkt euch, man könnte
Mir aus der Schar meiner Kinder auch eines entreißen: ich würde
Doch nicht, auch nach dem Verlust, auf zwei reduziert, auf Latomas (Letos) Riesige Menge! Sie ist einer Kinderlosen vergleichbar! “

Deutlich erkennbar ist die Rede von Spott und Zynismus, von Niobes Hybris durchsetzt, und dafür ist bekanntlich – eigentlich – die Göttin der Vergeltung zuständig…

Wie auch immer – eigentlich sind die Götter ja Erfindungen von Menschen, und so gibt es kein kosmisches Gesetz, das menschliche Haltungen bestraft, sondern lediglich Menschen, die miteinander interagieren, und im Hintergrund geht es hier um einen Mutterkult, ums Mutter-Sein oder Nicht-sein, und alle Jahre wieder wird der Muttertag begangen. Der Neid der Götter ist der Neid der Mitmenschen, die sich gegenseitig wenig gönnen, Aussenseiter zu Ausgestoßenen machen, Newcomer niedermachen, wenig über echte Bedürfnisse nachdenken, da in der Warenwelt doch ohnehin der Markt zuständig sei, also das Recht des Stärkeren -”Survival  of the Fittest” – gilt.

Insofern ist Nietzsches Wendung hin zur gesellschaftlichen Rangordnung völlig angebracht, und mir sei der Hinweis auf die Ähnlichkeit der menschlichen Rangordnung mit den Regelungen innerhalb eines Hühnerhofs, wo eine “Hackordnung” besteht, gestattet.

Immer noch leben wir in einer ständisch gegliederten Gesellschaft, der Kinder-Abzählvers “Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann” spiegelt das wider,  und “Schuster, bleib bei deinen Leisten” ist die Aufforderung, nicht aus der eigenen Kaste auszubrechen. Und wir wissen, dass man nicht alles über einen Leisten schlagen darf, tun es aber häufig, woraufhin uns “der Schuh drückt”.

Die Standesgrenzen existieren nicht nur in der Einbildung,  bis zu einer durchlässigen globalen Gemeinschaft ist noch ein kleines Stück Weg vor uns, aber häufig wollen wir das auch gar nicht erreichen, es könnte ja passieren, dass wir ein paar Privilegien verlieren, und mit einem babylonischen Sprachgewirr vor der eigenen Haustür fühlen wir uns auch nicht wirklich wohl – und klammheimlich haben wir uns einer Quelle des Neids angenähert, die “Ressentiment” genannt wird.

“Kaiser-König-Bettelmann” findet sich auch in einer Speiseverordnung, die häufig wiedergekäut wird:

 

Kulturgeschichte der deutschen Küche

 

“Frühstücken wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König, Abendessen wie ein Bettelmann” – diese seit Jahrhunderten im ganzen deutschsprachigen Raum noch immer praktizierte Faustregel für die tägliche Nahrungsaufnahme ist, auch wenn das Sprichwort in Vergessenheit geraten ist, so der Autor, evangelisches Erbe.

Während im Katholizismus über Jahrhunderte das Gebot galt, nüchtern zum Gottesdienst zu erscheinen, verlangte das protestantische Arbeitsethos ein nahrhaftes Frühstück, um gut gestählt ans Werk zu gehen. Ich finde, eine bestechende Erklärung, warum Italien noch immer für seine spartanischen Essgewohnheiten am Morgen (meist nur ein Espresso) bekannt ist, in Großbritannien dagegen ein Frühstück serviert wird, das gleich für mehrere Tage satt macht.

http://www.taz.de/!5175635/

Wir haben es also mit einer Regel zu tun, die mehr religiös als ernährungsphysiologisch begründet ist – aber sie hilft beim Abnehmen!

“Da ist was Wahres dran – eine aktuelle Studie beweist: Ein großes, gesundes Frühstück hilft beim Abnehmen!”

Und Kommando zurück, die Regel hilft nicht beim Abnehmen, sondern führt uns nur in die “Abnehmfalle“, so eine andere Studie – was auch immer wir so lesen, wir haben es mit der Medienfalle zu tun, und bestimmt wird diese Sicht nicht kommuniziert, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, dass diese Medien sich “unentbehlich” machen, indem sie uns verunsichern mit scheinbaren Wahrheiten und widersprüchlichen Semiinformationen.

 

“Mir grauet vor der Götter Neide
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zu Theil.“

Das waren Zeilen von Schiller, unserem Dichterfürsten – und sie sind nicht geeignet, uns vor der Angst, die Götter könnten uns bestrafen, zu befreien. Auch Nietzsche war nicht sogleich bemüht, hier eine Emanzipation herzustellen, aber seine Schreibweise muss uns aufmerksam machen:

Oft erfährt der siegreiche General den Neid der Götter, ebenso der Schüler, der ein meisterliches Werk schuf.

Die Anführungszeichen sind nicht laut, aber sie sagen alles: Den Neid der Götter gibt es garnicht,  und doch wird Erfolg geneidet, die außer-ordentliche Leistung nicht anerkannt. Vielleicht hat Nietzsche sich selbst in der Rolle des Schülers (etwa von Schopenhauer) gesehen – Beider “Werk” hat (zunächst) nur wenig Anerkennung gefunden.
Vielleicht hat Nietzsche auch an ein “Wunderkind” wie Mozart gedacht, vielleicht aber auch an Viele, die gar nicht bekannt worden sind – es muss sich bei “neuen Gedanken” ja nicht gleich um einen Geniestreich handeln, sondern “einfach” um Neues Denken, frisches Denken, unkonventionelle Gedanken, die von der Konvention erstickt werden, weil “der Apparat” träge ist, Institutionen innovationsfeindlich sind?

In Wirklichkeit geht es nicht um “Neue Gedanken” versus “altes Denken”, in Wirklichkeit geht es um Denkgewohnheiten, Ressentiment und selektive Wahrnehmung.

Und natürlich auch darum, sich verständlich auszudrücken. Damit hatte der “alte Nietzsche” leider seine Schwierigkeiten, denn eigentlich braucht man für Nietzsche einen Übersetzer:

http://www.textlog.de/20737.html Sprachgebrauch und Wirklichkeit

Sprachgebrauch und Wirklichkeit. — Es gibt eine erheuchelte Missachtung aller der Dinge, welche tatsächlich die Menschen am wichtigsten nehmen, aller nächsten Dinge. Man sagt zum Beispiel “man isst nur, um zu leben”, — eine verfluchte Lüge, wie jene, welche von der Kindererzeugung als der eigentlichen Absicht aller Wollust redet. Umgekehrt ist die Hochschätzung der “wichtigsten Dinge” fast niemals ganz echt: die Priester und Metaphysiker haben uns zwar auf diesen Gebieten durchaus an einen heuchlerisch übertreibenden Sprachgebrauch gewöhnt, aber das Gefühl doch nicht umgestimmt, welches diese wichtigsten Dinge nicht so wichtig nimmt wie jene verachteten nächsten Dinge. — Eine leidige Folge dieser doppelten Heuchelei aber ist immerhin, dass man die nächsten Dinge, zum Beispiel Essen, Wohnen, Sich-Kleiden, Verkehren, nicht zum Objekt des stetigen unbefangenen und allgemeinen Nachdenkens und Umbildens macht, sondern, weil dies für herabwürdigend gilt, seinen intellektuellen und künstlerischen Ernst davon abwendet; so dass hier die Gewohnheit und die Frivolität über die Unbedachtsamen, namentlich über die unerfahrene Jugend, leichten Sieg haben: während andererseits unsere fortwährenden Verstösse gegen die einfachsten Gesetze des Körpers und Geistes uns alle, Jüngere und Ältere, in eine beschämende Abhängigkeit und Unfreiheit bringen, — ich meine in jene im Grunde überflüssige Abhängigkeit von Ärzten, Lehrern und Seelsorgern, deren Druck jetzt immer noch auf der ganzen Gesellschaft liegt.

 

 

Alle Artikel aus der Serie “Handbuch zum Abnehmen” findest Du im Artikel “Das kleine Handbuch zum Abnehmen”.

 

 

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Foto “Atlas” cc, Quelle: Wikipedia

 

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2 Kommentare

  1. Und was hat das alles mit Abnehmen zu tun?

    • Unter

      http://portionsdiaet.de/medien/kurzes-handbuch-zum-abnehmen3618

      gibt es bereits eine Zusammenfassung. Wir machen einen Kult um irrationale Ängste (bei Schiller sogar ein Drama), unsere “Wissenschaft” liefert widersprüchliche Anleitungen ohne Nutzwert, ohne auf die kulturellen Hintergründe unseres Verhaltens einzugehen, der Mitmensch neidet uns Erfolge und versagt die gebührende Anerkennung, und eigentlich wäre es schon lange an der Zeit, empathischer und solidarischer miteinander umzugehen.

      Mit dem Abnehmen hat das Ganze insofern zu tun, als es schlicht einfacher wäre, wenn es mehr Menschen von dem Typus gäbe, den Rogers skizziert hat.

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