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Kleines Handbuch zum Abnehmen, Kapitel 4: Der Oma-Effekt

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“Die MedizinerInnen” sind unserem Thema gegenüber oft merkwürdig ohne Rückgrat. Stumm oder vorwurfsvoll und feige bis mutlos und opportunistisch. Statt mit einem Blick zu erfassen, ob der Patient Abnehm-Bedarf hat oder nicht, kann schon einmal ein Satz fallen wie:

“Also, Sie kommen mir jetzt nicht gerade krankhaft übergewichtig vor – jedenfalls nicht im Vergleich zu mir selbst, denn mit einem Meter neunzig und hundert Kilo finde ich mich doch recht akzeptabel…”

Ja schön. Und gut. Die Harvard medical school (klingt doch gut, fast wie “Charité” in meinen Ohren) versendet Newsletters zu jeglichem populären Gesundheitsthema und lädt zum kostenpflichtigen Download weiterer Erläuterungen zum Teaser ein. Das liest sich so:

As people go through their middle years, their proportion of fat to body weight tends to increase. Extra pounds tend to park themselves around the midsection. At one time, we might have accepted this as an inevitable fact of aging. But we’ve now been put on notice that as our waistlines grow, so do our health risks. Abdominal, or visceral fat is of particular concern because it’s a key player in a variety of health problems. The good news is that visceral fat yields fairly easily to exercise and diet, with benefits ranging from lower blood pressure to more favorable cholesterol levels.

Hallo und Hurrah, Tusch & Marhalla-Marsch!

Und das soll alles wahr sein – nur, wie man es wahr macht: Das bleibt ein Geheimnis? Ach so: Übung und Diät werden zu besseren Blutwerten, besserem Blutdruck, weniger Beschwerden führen. Ach… das ist wieder so ein altes, altbekanntes und wirkungsloses Mantra.

Mich öden diese uniformen “News” nur noch an, sie sind wie ein “Grundrauschen” in der Umgebung: Nach Möglichkeit versucht man auch, das gar nicht mehr wahrzunehmen, und ist froh, wenn es wenigstens ein Nachtflugverbot gibt, von 22 bis 6 Uhr in der Früh.

Aber es geht doch um die Gesundheit – Gesundheit – was ist denn das? Klar: Die Fähigkeit, die Möglichkeit, krankheitslos alt zu werden. Nicht unnötig früh zu sterben?

 

Wie wird man älter als 100?

Das beantwortet Dan Buettner:, und die ganze Antwort interessiert jetzt mal nicht, sondern, in Anknüpfung ans letzte Kapitel nur der “Großmütter-Effekt”.  Der zeigt sich in einem Dorf auf Sardinien, in dem es einen hohen Anteil an 100-Jährigen gibt: Auch die Kinder sind gesünder, werden seltener krank als in anderen Gemeinden, denn die Alten sind ins Leben integriert, hoch geachtet für ihre Erfahrungen und Weisheit, und achten natürlich auch auf die Kinder.

Die Generation der Alten wird geachtet: Für ihre Erfahrung, für ihre Weisheit…

 Weiser werden heißt, immer mehr und mehr die Fehler kennen lernen, denen dieses Instrument, womit wir empfinden und urteilen, unterworfen sein kann.   Georg C. Lichtenberg (*01.07.1742-†24.02.1799), dt. Mathematiker, Physiker und Philosoph

Das ist auch der Punkt, an dem die Verknüpfung zum vorigen Kapitel liegt: Der Einfluss der Großmutter. Bei Walter Mischel scheint dieser Einfluss recht prägend gewesen zu sein, erstreckt sich, seinen Ausführungen nach, auf die Arbeitshaltung (die Einstellung zu Lernen und Arbeit), aber auch auf Vorlieben, was das Essen betrifft: “Sitzfleisch und Sachertorte” sozusagen.

Meine Oma hat auch eine wichtige Rolle gespielt, zumal im Vorschulalter, denn damals hatte sie mir ziemlich unermüdlich Märchen vorgelesen – und erklärt. Mit dem Einfluss von Märchen auf die Einstellung zum Leben, mit der Funktion von Mythen habe ich mich dementsprechend intensiver auseinandergesetzt,  auch mit der  “Märchentherapie“, denn einiges, was wir verdrängt haben, ist über die alten Texte leichter zu erinnern und zu bearbeiten.

Nur soviel an dieser Stelle: Märchen und Mythen sind bedeutungsvolle Mitteilungen – verfasst in “symbolischer Sprache”. Die “Symbolsprache” ist auch die Sprache der Träume – ein Bild steht für gewisse Vorstellungen, muss nicht, kann aber entschlüsselt werden. Die Märchen vermitteln Orientierung und Werte, auch die schöne Frage “Was ist männlich, was weiblich?” und “Wie verhalten sich Männer und Frauen beim “Balzen”?” wird geklärt – wobei Kinder sich noch recht gut mit dem Gegengeschlecht identifizieren können.

Wenn wir von familiären Einflüssen reden, müssen wir gedanklich nicht nur eine Generation zurückgehen, sondern mindestens zwei. Wobei Vater und Mutter aus zwei unterschiedlichen Systemen kommen. Das ist bekannt, wird aber immer wieder “gerne vergessen”, wie auch der Einfluss der Geschwister(-generation), die sich häufig auch erzieherisch an ihren Mit-Geschwistern betätigt, mehr oder weniger freiwillig, mehr oder weniger sinnvoll, oder auch “komisch”, merkwürdig. Wie kommen Kinder bloß auf die Idee, Wettessen zu veranstalten?
Außerfamiliäre Einflüsse hat auch die Schule beigesteuert, mit mehr oder weniger machtvollen Erziehungsmitteln: “Eckerl-Stehen und Holzscheitl knien” soll es – gerüchtweise - auch gegeben haben, möglicherweise auch den mehr oder weniger “versohlten Hintern” als häusliche “Abreibung”.   Zu welchen Anlässen? Wegen des nötigen Respekts vor der Autorität?

Wir könnten auch versuchen, eine “Zeitreise” zu machen, zum Beispiel mit Musik aus alten Zeiten, die oft in erstaunlich guter Qualität erhalten ist. Allzeit gute Laune wird hier versprochen oder vermittelt – die Realität war aber so, dass die Zeiten für große Sorgen sorgten: Sorgen ums Geld, ums tägliche Brot, den Broterwerb.

Bei Walter Mitschel ließ das Leben in New York, nach der Emigration, vielleicht keine Zeit für entspanntes Essen – jedenfalls hat er im Interview geäußert, sich zwar bei den Portionsgrößen vernünftig zu verhalten, aber in Gesellschaft beim Essen immer als Erster mit geleertem Teller den Anderen beim Essen zuschauen zu müssen.

Das gierige Verhalten des Krümelmonsters wird ja mit der Vorherrschaft des limbischen Systems erklärt, also des Hirnareals, das anderenorts auch als “Reptiliengehirn” bezeichnet wird, weil es aus einer frühen Phase der Evolution stammt. Die Amygdala, in dieser Region befindlich, reguliert den Appetit, Emotionen, Instinkte, ist auch für Lust, Schmerz und Angst zuständig. Mitschel nannte es ein “heißes System”.
Ist dort auch die Vorliebe für Sachertorte gespeichert? Eindeutig hat so eine Vor-Liebe nichts mit Vernunft zu tun, eindeutig sind solche Vorlieben erlernt, situativ verknüpft – mit welchen Situationen?

Es gibt ja, wie gesagt, neben Denkfehlern auch die Fehlempfindungen und die schädlichen  Einstellungen zum Leben – dass das Essen mein Feind ist, dass ich mit dem Essen kämpfen müsste, von ihm überwältigt werden könnte, mich vor dem Essen fürchten müsste, vor verbotenem gar: Solche Gedanken werden uns auch eingetrichtert, wenn dann die Reklame lautet: “Du darfst”.

Gesellschaftspolitisch sinnvoll ist solche “Werbung” oder Ver-führung natürlich nicht, und das Verbot der Tabakwerbung steht auch vor der Tür.

Das Kognitive System, auf das wir deuten, wenn wir “einen Vogel zeigen”, ist dagegen ein “kaltes System”, das wir auch ansprechen, wenn wir auf englisch “Cool down” sagen, ist für Selbstkontrolle und zukunftsorientierte Entscheidungen zuständig.

Nicht meine, aber eine kluge Oma sagte bei Gelegenheit ihrer Tochter:

“Du kannst alt werden wie eine Kuh, und lernst immer noch dazu”.

So sind sie, die Omas: Effektvoll, jedenfalls nicht zu unterschätzen. Ob die Opas besser oder schlechter sind, ihrer Rolle gerecht werden oder alle Verantwortung abgeben und nach Anderem streben – ach, ich habe da meine Zweifel. Wenn Mann selbst als Opa, und Frau als Oma angesehen wird, haben die Zeiten sich jedenfalls geändert, und damit auch die Einstellung zur Jugend.

 

Nachtrag:

Natürlich können Omas auch eine ganz andere Wirkung haben, wie ein Beispiel aus einer Twitter-Nachricht zeigt:

“Süße Oma läuft vorbei &  sagt zu meinem Sohn (3) Hallo!
Kind schreit: Hilfeee, eine Hexe & rennt weg.
Gehe dann mal im Erdboden versinken …”

Sicher gehört das auch hierher – allerdings ins Kapitel “Das ich” (“das “WIR”") und die Anderen.
Nachtrag:
Die Fähigkeit, Bedürfnisse (eine sofortige Bedürfnisbefriedigung) aufzuschieben, war im “Marshmallow-Experiment” untersucht worden:
Allerdings bei Kindergartenkindern, so dass Rückschlüsse aus diesem Experiment auf die Fähigkeiten Erwachsener, zu verzichten, nur bedingt gezogen werden können.So könnte es sich auch mit “Nachuntersuchungen”, ergänzenden Experimenten verhalten: Die zeigten auf, dass es auch auf die Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit des Versuchsleiters ankommt.  Siehe: Quelle)

Davon abgesehen, ist die Sinnhaftigkeit eines Bedürfnisaufschubs an sich auch schon längst in Frage gestellt worden – nach dieser Interpretation war Verzicht kleinbürgerlich, zwanghaft und verklemmt, sofortige Befriedigung aber anarchisch, fortschrittlich, proletarisch.
Sich selbst bezwingen zu können, mag also von der Glaubwürdigkeit der Situation abhängen: Sagt ein erwiesenermaßen glaubwürdiger Weißkittel, dass Bedürnisbefriedigungsaufschub sich lohnt, wird der Aufschub wahrscheinlicher, und rebelliert man gegen die Verklemmtheit und Zwanghaftigkeit, ergibt sich die Adipositas, wenn man zu viel isst?
Rational ist das “Jetzt, gleich, sofort” jedenfalls nicht – in Bezug auf Objektbeziehungen auch schädlich und möglicherweise peinlich, also narzisstisch, der Objektbeziehung ausweichend also, getönt.

Nebenbei: Man kann auch einem Hund beibringen, auf das Würstchen auf dem Teller im Zimmer, in dem sich kein Aufpasser befindet, zu verzichten – auch ohne ihm noch ein zweites, zusätzliches Würstchen zu versprechen, für den Fall, dass er auf sofortigen Vezehr verzichtet. Es kommt hier vielleicht auf die Methode der Erziehung (bei Tieren spricht man aber von Dressur) an.


 

Alle Artikel aus der Serie “Handbuch zum Abnehmen” findest Du im Artikel “Das kleine Handbuch zum Abnehmen”.

 

 

 

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